Offenheit und Neugier als Schulfach? – mit Wissenschaftler Prof. Dr. Wolfgang Schöllhorn

Nachdenkenswert ist: In der westlichen Medizin wird ein Arzt bezahlt, wenn die Leute krank sind. Der Ursprung der chinesischen Medizin war, dass die Ärzte bezahlt wurden, solange die Kunden gesund waren. Wenn ein Kunde krank wurde, wurde die Bezahlung eingestellt. In unserem Gesundheitssystem bin ich als Arzt mit meinem Einkommen abhängig von der Krankheit meines Gegenübers. Im juristischen Sinne würde man das als Befangenheit bezeichnen.


Wolfgang Schöllhorn

Der Diplom-Sportlehrer und promovierte Biomechaniker habilitierte in Bewegungs- und Trainingswissenschaft. Er leitet seit 2007 den Lehrstuhl für Trainings- und Bewegungswissenschaft in Mainz und ist in der Ausbildung und Beratung von Lehrern, Trainern, Physiotherapeuten und Athleten tätig. Als ehemaliger Handballer, Zehnkämpfer und Deutscher Meister im Viererbob trainierte er Leichtathleten nationaler und internationaler Spitzenklasse und berät Trainer sowie Athleten verschiedener Nationalmannschaften in Disziplinen wie Karate, Ringen, Leichtathletik, Fußball, Basketball und weiteren Sportarten.


Für meine Interviewreihe „Mach’s weg“ habe ich Interviews aus verschiedensten Perspektiven über die Corona-Krise, den Graben zwischen “Alternativ-” und Schulmedizin, und über eines der wichtigsten Themen im Leben geführt: Gesundheit. Aber was ist das überhaupt? Lassen sich Krankheiten und ihre Symptome einfach „weg machen“? Wieso kümmern sich Menschen umeinander? Und wie sähe ein Gesundheitssystem aus, das den Menschen in den Mittelpunkt stellt?

23 gesammelte Mach’s weg“-Interviews sind hier als Buch zu bestellen.


Das Interview wurde im September 2020 in Mainz geführt

Laurens Dillmann: Was sind die Werte Ihrer Arbeit?

Wolfgang Schöllhorn: Es gab mal einen Spruch aus der Gestaltpsychologie, da wurden Leute mit der Frage interviewt: „Was empfinden Sie bei dem Satz: Manchmal fällt mir das Denken so schwer, dass ich es vorziehe, zu urteilen?“ Auch ohne den Kontext der Psychologie gilt dieser Satz für viele Bereiche des Lebens. Wann hast du aufgehört zu denken, damit jetzt das Urteil fällt?

Ich würde sagen, von Anfang an war es meine Einstellung, stets beide Seiten anzuhören, immer nachzufragen und weiter zu forschen. Und das ist auch meine pädagogische Einstellung bei meinen Studierenden und Athleten: Ich kann nicht nur in Lippenbekenntnissen predigen, ich kann nicht Toleranz durch intolerante Methoden lehren. Im Prinzip geht es um eine didaktische Ausarbeitung. Dann kommt man in die Neurophysik, in die Physik der Selbstorganisation, und in der Folge entstehen ganz andere Lehrkonzepte.

Was fasziniert Sie und woran arbeiten Sie zur Zeit?

Allgemein ließe sich das wohl mit den Worten von Schopenhauer beschreiben: „Daher ist die Aufgabe nicht nur, zu sehen, was noch keiner gesehen hat, als auch bei dem, was jeder sieht, zu denken, was noch keiner gedacht hat.“ 

Wenn ich Bücher lese, lese ich immer fünf, sechs Bücher parallel, aus verschiedenen Gebieten. Energiemedizin, Physik, Philosophie, Theologie und auch Astrologie, weil aus den Verknüpfungen der Gebiete meist schon Neues entsteht.

Das ist im Augenblick eines meiner Hauptthemen: Die Vielfalt zu akzeptieren und zu tolerieren. Und das den Lehrern und Trainern beizubringen, um zum Einen mehr Toleranz in die Erziehung zu bringen und zum anderen den Athleten und Schülern ein breiteres Spektrum anzubieten, das mehr auf Individualität und Selbstbestimmtheit angelegt ist.

Ist Wissenschaft frei von Dogmen?

Nein. Aber das dabei latent mitschwingende Problem ist mehrschichtiger. Wissenschaft wurde uns vordergründig immer als das höchste Gut gelehrt. Auch in der Schule. Das ist verkürzt dem Experimentalismus geschuldet und geht bis auf Bacon zurück. Was dabei vernachlässigt wird, ähnlich wie im Kommunismus, ist das Menschenbild.

Man kann in der Wissenschaft häufig beobachten, dass die menschlichen Persönlichkeitsmerkmale der Forscher wissenschaftlich verschlüsselt werden. Viele Wissenschaftler nutzen Wissenschaft regelrecht, um die eigene Machtgeilheit zu befriedigen. Sie lassen dann nur bestimmte Leute hochkommen und lassen auch nur ganz bestimmte Ideen zu, ähnlich wie in Parteien. Da unterscheidet sich die Wissenschaft von keinem anderen Bereich unserer Gesellschaft. Das gleiche mit der wissenschaftlichen Methodik. Es kam gerade ein bisschen an die Oberfläche: Seit 2015 ist es unter der sogenannte Replikationskrise bekannt. Man stellt jetzt plötzlich fest, dass sich nur grob 20-30 % der Studien wiederholen lassen; vor allem im Bereich der Pharmazie, der Medizin und der Psychologie. Und darin steckt bereits das Problem: Dass Wissenschaft im Sinne einer willkürlich festgelegten Definition replizierbar sein muss. 

Okay, das kann man so definieren. Aber wenn man etwas tiefer in die Wissenschaftphilosophie und die Geschichte der Wissenschaft schaut, kennt man auch den Satz der Taoisten: Das einzig Konstante ist der Wandel. Heraklit meinte, man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen. Das heißt, wir haben beim Menschen nichts Wiederholbares. Die Situation ändert sich ständig. Die Replizierbarkeit ist ein Relikt aus einer Zeit, als die Mechanik noch als das Höchste in der Wissenschaft galt. Dass sich beim Menschen jedoch alles ständig ändert, wurde schon vor grob 100 Jahren umfangreich diskutiert, allerdings noch sehr verschlüsselt und klausuliert.

Warum gibt es so eine große Skepsis gegenüber alternativen Methoden?

Ein grundlegendes Missverständnis der Wissenschaft ist die Aussage: „Das kann man nicht nachweisen. Deswegen existiert es nicht.“ Da wird die eigene Wissenschaftstheorie nicht richtig verstanden. Wenn ich etwas nicht nachweisen kann, heißt es nicht, dass es nicht existiert. Ich kann es lediglich mit meiner Methode nicht nachweisen. 

Das ist wie in der Geschichte, in der jemand einen Riesenlärm macht, weil er etwas sucht.  Ein Helfer kommt und fragt: „Wo hast du es denn verloren?“ – „Da drüben im Dunkeln.“ – „Warum suchst du nicht da?“ – „Weil da kein Licht ist.“

Da wird man zum Beispiel bei der Kritik an der Homöopathie in die Irre geführt. Jemand schmeißt D6 und D200 Kügelchen zusammen und sagt: „Kein Verfahren der Welt kann nachweisen, was jetzt welche Kugel ist. Deswegen kann es nicht funktionieren.“ Dabei beweist das einfach nur, dass unsere wissenschaftlichen Methoden nicht sensibel genug sind, einige der Grundaussagen der Homöopathie nachzuprüfen.

Historisch kann man beobachten: Immer wenn es eng wird, fangen die Kämpfe an. Wenn jetzt gerade wieder vermehrt gegen die Homöopathie geschossen wird, hat das für mich eher damit zu tun, dass die klassische Medizin mal wieder Angst hat, dass ihr Kuchen zu klein wird. Wenn jährlich 19.000 Menschen durch Behandlungsfehler der klassischen Medizin sterben, hört man kaum etwas davon. Wenn allerdings ein medizinisch Austherapierter dann in seiner letzten Hoffnung bei einem Heilpraktiker stirbt, ist großes Getöse. Da wird für mich mit zweierlei Maß gemessen, anstatt dass man sich gemeinsam überlegt, wie man die vorhandenen Phänomene trotzdem erklären kann. Wenn man einem Tier Globuli gibt und die Wirkung eintritt, fällt die Placebo-Erklärung raus. Wenn ich sie einem kleinen Kind gebe und die Wirkung eintritt, fällt Placebo auch raus. Ich kenne viele Mediziner von der Uni-Klinik hier, die ihre Kinder mit Homöopathie behandeln, die genau wissen, dass es funktioniert, und in der Öffentlichkeit verschweigen sie es.

Ich kenne auch Leute, die in eine TCM-Klinik (traditionelle chinesische Medizin) gehen und der Chefin dort sagen, sie dürfe es niemandem mitteilen. In der Psychologie war es ganz ähnlich, dass man dort lange über Psychoanalyse geschimpft hat und fast jedesmal, wenn Psychologen Probleme hatten, gingen sie zur Psychoanalyse. Ich habe mir das lange genug angeschaut. Für mich gilt: Wenn jemand bekämpft wird, muss es interessant sein. Ähnlich ist es mit der Astrologie. Warum bekämpft man sie so? Wenn sie nichts wert wäre, müsste man nicht dagegen kämpfen. Was dann schon rauskommt, ist, dass die vehementesten Kritiker sich eigentlich nie tiefergehend damit beschäftigt haben und recht früh aufgehört haben, darüber nachzudenken. 

Da muss ich schon einen Vorwurf an viele Schulen machen, dass dort in erster Linie auf Wissen Wert gelegt wird, und die Abiturienten dann tatsächlich glauben, sie hätten genügend Wissen angesammelt, um alles negieren zu können, was sie nicht auf Anhieb verstehen. Auf diesem Niveau zu argumentieren, spiele ich fast jedes Semester mit meinen Studierenden durch, wenn wir sogenannte “alternative Trainingsmethoden” untersuchen. Zum Beispiel den Einfluss von Gedankenübertragung bei Lehr- oder Trainingsprozessen, die Abhängigkeit des Trainings von Mondphase, Astrologie und Sport, anfangs auch differenzielles Lernen beim Krafttraining. Am Anfang sind alle dagegen oder sehr skeptisch. Aber sie dürfen sich die Themen und Literatur frei auswählen oder sogar vorschlagen (also denken, was nicht jeder denkt). Sie sollen es nur mit Pro und Contra darstellen. Im Anschluss wird es wissenschaftlich diskutiert. Dabei ist es mir in den letzten zehn Jahren stets passiert, dass irgendeiner der Studierenden eine neue Publikation zu einem der Themen gefunden und sich zum Befürworter gewandelt hat. Nach acht bis zehn Wochen reflektieren wir. Zu den Themen, die am Anfang abgelehnt bis bekämpft wurden, bekomme ich plötzlich eine wesentlich differenzierte Darstellung. Und dieser Satz ist meist die schlussendliche Erkenntnis meiner Studierenden: „Sollten wir dann nicht in der Schule mit Offenheit und Neugier lernen?“

Es wird mittlerweile immer extremer. Das Wissen ändert sich dermaßen schnell und rasant. Wenn ich nicht flexibel bleibe und meine Offenheit behalte, rutsche ich aus dem sozialen System raus, das auf Bildung, Planung, Sicherheit und Information setzt. Und das geht schneller als ich denke. Die Corona-Zeit hat immerhin einiges ausgelöst. Endlich gab es mal einen Impuls, eine Änderung im Schulsystem. Ob gut oder schlecht, wird sich rausstellen. Aber endlich mal ein kleiner Anschub. Allerdings erzwungen, weil es freiwillig nicht gemacht wurde. 

Wie wird sich unser Umgang mit Wissen und Informationen in nächster Zeit verändern?

Die Trends sieht man bereits. Das Wissen verändert sich ständig und immer schneller. Im Wesentlichen geht es um Information. Es geht aber auch um die Menschen, die wieder mehr Selbstverantwortung übernehmen müssen. Sie müssen lernen, aus den vielen Informationen die für sie selbst relevanten zu erkennen. Ich kann nicht alles schaffen, nicht jedes Medium verfolgen und alle Quellen prüfen. Das heißt, ich muss selbst entscheiden können, was ich wissen und wie ich damit umgehen möchte. Es braucht einen gehörigen Grad an Reife, um auf diese Weise leben zu können. Und dies bedarf anderer Erziehung. Wenn ich meinen Schülern oder Studierenden ständig exakt vorschreibe, was für eine Prüfung zu lernen ist, wie kann ich dann erwarten, dass diese Menschen selbstständige Entscheidungen treffen und eigenverantwortlich handeln werden?

Wie gehen wir mit den Glaubenskriegen der momentanen Zeit um?

Viele Menschen nutzen übergeordnete Ideologien als Vorwand, um persönliche Probleme dahinter zu verstecken. Darunter fällt auch die rechts/links-Problematik: Ich urteile und ich muss abgrenzen, um mich selbst zu definieren. Die asiatische Philosophie sagt: Ich werde im anderen immer nur meine eigenen Probleme erkennen. Der schönste Spruch ist dabei: Ich begegne immer nur Menschen, die mir helfen, mein eigenes Karma zu leben. Ich glaube, es wäre schon viel getan, wenn Menschen sich grundsätzlich fragen: Was soll ich daraus lernen, dass ich jetzt mit diesem Problem konfrontiert werde? Ideologien zu folgen, die von außen oktroyiert sind, führen weg von der eigenen Mitte, die notwendig ist, um eigenverantwortlich entscheiden zu können. Sie können fast als das Gegenteil von Meditation betrachtet werden.

Was sagt die Corona-Krise über unser Verständnis von Gesundheit aus? Wie lässt sich vereinbaren, dass die Maßnahmen im Dienste der Gesundheit stehen, aber eine große psychische Belastung sind?

Die Äußerungen hierzu wurden schon lange gemacht. Eigentlich zeigt die Krise im Augenblick mal wieder, dass wir nicht alles Fremde von uns fernhalten können. Wir können weiter Symptome bekämpfen und behandeln oder wir können unser eigenes Immunsystem trainieren und heilen. Auch das Immunsystem lässt sich trainieren, ähnlich wie ein Muskel, ähnlich wie das Gehirn. Es ist ein adaptives, also anpassungsfähiges System. Dabei hilft es schon, Krankheiten einfach mal zu durchleben und nicht ständig alles antibiotisch oder chirurgisch zu entfernen. Das ist eine der Grundlagen der traditionellen chinesischen und indischen Medizin seit Jahrtausenden. Man hat schon länger vor einem solchen Ereignis – wie jetzt eingetreten – gewarnt, leider in Verbindung mit starkem Eigeninteresse. 

Deswegen haben wir ein Studienprofil gegründet, in dem es nicht explizit um Gesundheit geht, sondern um Wohlbefinden: Movement and Wellbeing. Im Rahmen dieses Studiums können unsere Studierenden zwei Monate nach Indien gehen, um dort Grundlagen der Yoga- und Ayurveda-Philosophie zu lernen. Und sie können zwei Monate nach China gehen, um dort die Grundlagen der TCM und Qi-Gong Philosophien zu lernen. Dort auftretende Fragestellungen können sie dann hier mit biophysikalischen Messverfahren untersuchen.

Ein Grundproblem der überwiegend in der westlichen Welt vertretenen Gesundheitsphilosophie ist, dass man die Dualität „gesund oder krank“ aufmacht und in hohem Maße Ängste schürt. Die Einheit fällt damit weg. Für mich ist Gesundheit immer eine relative Geschichte. Nachdenkenswert ist: In der westlichen Medizin wird ein Arzt bezahlt, wenn die Leute krank sind. Der Ursprung der chinesischen Medizin war, dass die Ärzte bezahlt wurden, solange die Kunden gesund waren. Wenn ein Kunde krank wurde, wurde die Bezahlung eingestellt. In unserem Gesundheitssystem bin ich als Arzt mit meinem Einkommen abhängig von der Krankheit meines Gegenübers. Im juristischen Sinne würde man das als Befangenheit bezeichnen. 

Wenn ich mein Gegenüber nachhaltig gesund mache, trage ich selbst einen (finanziellen) Schaden davon. Das ist ein grundsätzliches Problem. Massiv verstärkt wurde das mit der Abhängigkeit der Medizin von der Pharmazie nach dem Zweiten Weltkrieg. Das System driftete zu stark in eine Richtung, weil dort das meiste Geld verdient wurde. Ganzheitliche Ansätze wurden einfach vernachlässigt. Wenn ich das Leben ganzheitlich betrachte, ist Gesundheit eigentlich ein Nebenprodukt, aber nicht das primäre Ziel.

In der chinesischen, indischen und auch südamerikanischen Naturmedizin steht immer an erster Stelle: Achte auf deine Ausgeglichenheit, damit dein Immunsystem gestärkt ist. Ich war gerade in Indien, als die Corona-Zeit losging. Sie haben mir dort an der Klinik einfach nur gesagt: Schau, dass dein Immunsystem in Ordnung ist. Wie soll ich mich denn gegen alle Feinde von außen wehren? Ich muss mich von innen entsprechend stark machen – was im Übrigen auch ein schönes politisches Modell wäre. Ich muss keine Zäune und Mauern um mich errichten, wenn ich in mir selbst stabil bin.

Ist die im Laufe der Krise zunehmende Kritik und das Misstrauen gegenüber der Politik gerechtfertigt?

Es geht bei diesem Teil der Krise primär um zwei Interventionsfragen: Wie komme ich wieder an meine Gesundheit und was hat mich aus meiner Mitte weggebracht? Die chinesische und indische Medizin sagt von vornherein: 80 Prozent der Gesundheit ist Lebenswandel und Ernährung. Wenn ich aber schaue, dass gewisse Holdings Pharmazeutika verkaufen und parallel dazu Nahrungsmittel auf den Markt bringen, die Menschen nachweislich krank machen, dann habe ich ein System, das sich seine eigenen Kunden erzeugt. Zunehmend Aufmerksamkeit in Verbindung mit Gesundheit bekommt derzeit auch das Thema Elektrosmog. Unser Herz, Gehirn und unsere Neurone reagieren nachweislich auf das Erdmagnetfeld. Dies wird auch genutzt zur Unterstützung von Nervenwachstum nach durchtrennten Nervensträngen. Elektromagnetische Felder der Telekommunikation, die mindestens von ähnlicher Größenordnung sind, wird hingegen jegliche Wirkung abgesprochen. Und die meisten dieser Studien sind dabei von Interessenvertretern finanziert, bei denen wir wissen, dass sie eine wesentlich höhere Erfolgsquote der Studien erzielen als neutrale Einrichtungen. Nicht gerade vertrauensbildend.

Aber natürlich, es braucht meiner Meinung nach neue Lern- und Denkkonzepte, die eigentlich schon vorliegen, aber nur allmählich ins Rollen kommen. Interessanterweise sind das in Schulen die Konzepte, die man im Ursprung in der Steiner-Konzeption der Waldorf- oder Montessori-Pädagogik sieht. Jetzt kommen zunehmend genau die gleichen Konzepte, nur nennt man sie anders, weil man gegen das andere ja immer geschimpft hat. Ideen des individuell entwicklungsorientierten Lehrplans, des nicht Sitzenbleibens, des Epochen- oder Blockunterrichts, detaillierte Leistungsbeschreibungen anstelle von Noten, Einfluss der Lernraumgestaltung etc. waren von Beginn an Bestandteil der Waldorfpädagogik schon in den 20ern des letzten Jahrhunderts. Sie sind nun vermehrt bei Preisträgern des Deutschen Schulpreises der Robert Bosch-Stiftung zu beobachten. Es gibt sehr kreative und reformfreudige Lehramtsanwärter, die jedoch allzu oft durch Systembewahrer ausgebremst werden. Wenn ich mir dann noch anschaue, dass Deutschland ein Land ist, das sich nicht gerade durch besonders viel Öl-, Bodenschätze oder Sonne auszeichnet, wo die Bildung mittel- und langfristig eigentlich unsere größte Ressource darstellt, dann frage ich mich schon, weshalb der Anteil des Bildungsetats weit unterhalb des Durchschnitts der OECD-länder liegt.

Wie sorgen Sie dafür, mit Ihren Konzepten und Methoden auf Akzeptanz statt auf Ablehnung zu stoßen?

Zunächst, es gibt nicht nur Akzeptanz meiner Konzepte und Methoden. Ich erwarte aber auch gar keine 100% Zustimmung. In diesem Bereich kommen Zahlen, die über 80% liegen, sowieso nur in diktatorischen Staaten vor. Beim Thema Veränderung kommt auch die Unterhaltungsindustrie ins Spiel. Viele Menschen wissen nichts mit ihrer Zeit anzufangen, sie hängen permanent vor ihren technischen Geräten, wollen von außen bespaßt werden, die Exoterik hat Dominanz. Das Innere, die Esoterik, wird nebensächlich – bis zur nächsten Krankheit. Die nächste digitale industrielle Revolution, die sich nun ankündigt, wird einen immensen Energiebedarf brauchen. Was wir jetzt in dieser Krise lernen, ist wichtig: Verzicht. Einfach mal nur da sein, ohne viel externe Energie zu verbrauchen. Auch dadurch entstehen Neugier und Kreativität.

Was sind Energiekonzepte der Zukunft? Wie können Menschen lernen, in sich selbst Lebensenergie zu erzeugen?

In Bezug auf die physikalischen Energien gibt es viele Menschen, die kreative Ideen für nachhaltige Energiegewinnung haben. Neben der Energiegewinnung ist jedoch aus meiner Sicht das Einsparen an Energie, oder Reduzierung an Energieverschwendung eine bislang sehr vernachlässigte Komponente, vor allem im Verkehrswesen. Und in meinem Bereich spielt das Prinzip Energie mit der Meditation, oder umgangssprachlicher, mit unseren Gehirnzuständen, eine zentrale Rolle. In der Gehirnforschung sieht man: Die Gehirnzustände während eines Orgasmus sind denen während tiefster Meditation – bei 20 Jahren Meditationserfahrung – sehr nahe.

Wenn wir von Erleuchtung im Tibetisch/Indischen sprechen, sprechen wir von der Kundalini-Energie, die vom unteren Chakra am Steißbein über die Wirbelsäule bis ins Gehirn fließt. Wir haben auch diese Verknüpfung mit unserem neuen Studienprofil im Blick. Nicht, dass alle permanent Orgasmen haben, sondern wir wollen die Verbindung aufzeigen: Dass ich über Gehirnzustände in Ausgeglichenheit kommen kann und diese am leichtesten über Bewegung erreiche. Wenn ich aus mir heraus zufrieden und ausgeglichen bin, brauche ich auch nicht ständig Action, einkaufen, essen, Likes, Ablenkung etc. Und ich kann lernen, Energie in mir zu kultivieren und zu lenken. Mit dieser Aufgabe ist man bereits gut beschäftigt und benötigt nicht ständig so viel „physikalische“ Energie.

Aber das ist ein heikles Thema, da es sich gegen die Doktrin der vorherrschenden Kirche wendet. Wir sehen hier, dass wir die letzten 2000 Jahre ganz massiv auf einen Holzweg geleitet wurden. Da waren viele Fehlübersetzungen und Fehlinterpretationen dabei, und das steckt alles in unserem Schulsystem, sogar im Militär. Der Frontallappen wird auch als “soziales Gehirn” bezeichnet, weil er dann aktiv ist, wenn über die sozialen Folgen unseres Handelns und Pläne nachgedacht wird: Was denken die anderen über mich und mein Handeln, welches Ansehen bekomme ich, was muss ich morgen erledigen, etc. In unserem Schulsystem wird genau dies dominant gefördert. Die Inder würden sagen, das Ego wird auf Kosten des Selbst gefördert. Kreativität und Meditation fordern ein Herunterfahren dieses Bereichs. Nebenbei wird dieser Teil des Gehirns erst am Ende der Pubertät ausgebildet. Das ist ein Grund, weshalb das Alter für Wahlen und für Volljährigkeit erst auf 18 festgelegt wurde. 

Das Thema der Gehirnzustände wurde von und mit den 68ern schon mal aufgegriffen. Es hat auch zu extremen Gegenentwürfen geführt. In der Zeit um Woodstock hat man durch Drogen versucht, in diese veränderten Bewusstseinszustände zu kommen. Die Drogen hat man dann verboten, weil bei den Herrschenden die Angst umging, es würden nicht mehr genügend Soldaten für Vietnam rekrutiert werden können. Aber in diese Zustände zu kommen ist ein grundmenschliches Bedürfnis, warum es im Augenblick auch hunderte von Designerdrogen gibt.

Ich meine, beschäftigt euch lieber richtig mit der Sache. Lernt, dass ihr die Drogen nicht braucht. Ihr kommt auch anders dahin. Konzentriert euch darauf und lasst die Forschung darüber zu. Deswegen habe ich die Tür nach Indien, China und Tibet geöffnet. Weil sie einfach 700 Jahre mehr an Erfahrung mit diesen Zuständen, ihren Vorteilen und Gefahren haben. In Münster war einmal der Dalai Lama zu Besuch und hat sich mit Physikern und anderen Wissenschaftlern unterhalten. Das Resumee war, ganz grob verkürzt: Mit teuren, langen Forschungen und Experimenten kommt unsere Forschung zu den Erkenntnissen, zu denen der Osten bereits vor hunderten von Jahren durch reine Meditation kam. Wenn man zwischen diesen beiden Wegen wählen könnte, weiß ich, welchen ich bevorzugen würde.

Wie lassen sich diese Erkenntnisse politisch umsetzen? Wie bringt man das Wissen an die Menschen?

Diese Erkenntnisse nützen nicht viel, wenn sie ein paar Pioniere formulieren und die Konservativen nicht mitkommen. Wir brauchen Berater und Lehrer, die diese Kenntnisse verbreiten und vermitteln. Das steht und fällt schon mit der Wertigkeit des Berufes. Noch Altkanzler Gerhard Schröder hat Lehrer pauschal als „faule Säcke“ bezeichnet. Solange diese Art von Arbeit und Forschung nur abschätzig belächelt wird, werden wir uns gesellschaftlich nicht nachhaltig weiterentwickeln. Ein bestimmter Prozentsatz des Bruttosozialproduktes muss in Bildung, Forschung und ins Gesundheitswesen investiert werden. Das sind wohl die Grundsäulen für die Entwicklung einer Nation. Das sehe ich im Augenblick nicht ausreichend gefördert.

Fühlen Sie sich für Ihren Beruf und Ihre Arbeit angemessen gewürdigt?

Ja. Wenn man eine Berufung (als Unterscheidung zu einem Job) nur der Anerkennung willen ausübt, sollte man es sein lassen. Ich kriege positive Rückmeldungen. Zwar oft sehr lang verzögert, aber das entspricht auch meiner Lebensweise. Ich will nicht kurzfristig irgendwo oben stehen, um dann umso tiefer zu fallen. Alles sollte nachhaltig aufgebaut werden und das braucht länger. Dazu muss ich auch in der Lage sein, mal längere Zeit verzichten zu können. Eine von Siddharthas Grundgeschichten: Ich kann lieben, ich kann denken, ich kann verzichten. Damit habe ich alles, was ich zum Leben brauche.

Das ist auch, was man in vielen Naturvölkern sieht. Dass man Kindern beibringt: Lerne, auch mal zu verzichten. Lerne, still zu halten – aber erst ab einem bestimmten Alter und nicht ständig. Das gehört für mich eigentlich in jede Ausbildung. Das wird häufig auch missinterpretiert: Du musst erstmal leiden, das christliche Modell ruft wieder. Der frühere Pädagoge Doktor Prügelpeitsch wabert immer noch in unseren Köpfen. „Mir hat es ja auch nicht geschadet.” Da dreht sich mir immer der Magen um. Das kann man wirklich anders machen. Es ist zu viel auf blindem Gehorsam aufgebaut. Den Spruch möchte ich auch gerne an den Eingang der Uni hier schreiben: Sapere Aude. Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu betätigen. Von meinen früheren Nachbarn bekam ich manchmal die Rückmeldung: „Mit euren Kindern muss man immer diskutieren. Die anderen gehorchen einfach.“ Also, alles richtig gemacht.

Nach welchem Menschenbild würden Sie ein Gesundheitswesen aufbauen?

Nach dem grundlegenden Gesundheitsbild der chinesischen und indischen Medizin. Unterstützt durch westliches Know-how. Man kann Labordiagnostik betreiben, aber in einer wesentlich komplexeren Art und Weise, wie es im Augenblick gehandhabt wird. Da habe ich die KI-Modelle im Hinterkopf, die wir auch hier betreiben. Diese Komplexität, vermischt mit dem östlichen Hintergrundwissen. Und dazu beziehe ich auch Wissen der Astrologie mit ein, denn diese ist die Grundlage für das östliche Weltbild. Wenn man sehr weit hinter die Kulissen in China guckt, sieht man, dass die Astrologie die Grundlage für alle Naturmedizin ist.

Also das Beste aus beiden Welten?

Nein. Das ist ein Kompromiss, der beide Seiten frustrieren würde. Lass zu, dass sich beide Weltbilder parallel entwickeln. Es darf nicht ein einziges Modell werden. Wenn sich davon etwas als falsch herausstellt, geht das ganze System kaputt. Es ist auch ein Problem, zwei Sprachen voll zu mischen. Zu oft gibt es Ausdrücke in nur einer Sprache, die dann aus evolutionärer Sicht die Vielfalt des Denkens fördern. Deswegen bin ich auch gegen ein Einheitsabitur in Deutschland. Das scheint ein Problem des Deutschen zu sein, die “Einheit”, weshalb sie auch in der Hymne an erster Stelle steht. Wenn alle in Einheit das Falsche machen, geht das ganze System kaputt. Bei einer föderalistischen Aufteilung habe ich immer Bereiche, die sich gegenseitig ausgleichen können. Das ist überhaupt das Überlebenskonzept des Menschen in der Evolution gewesen: Die Vielfalt, nicht die Spezialisierung. 

Ich meine, dass die östliche und westliche Medizin gut daran tun würden, einander parallel laufen zu lassen. Voneinander zu lernen, aber sich nicht zu sehr zu vermischen. Weil ich dann immer noch aus der Differenz zusätzlich lernen kann. Das ist die Idee des Tai-Chi, des Yin und Yang. Die Kunst des Yin und Yang ist die Ausgeglichenheit von beidem. Wie es in der Meditation angestrebt wird: Sich auf der Linie zwischen beiden Yin und Yang zu bewegen. Das ist der meditative Zustand. Nicht schlafen und nicht wach sein. Dazwischen. Das geht am besten, wenn ich den Frontallappen herunterfahre. Weil dieser bei vielen die absolute Dominanz und Kontrolle anstrebt. Und das wird auch noch in unserer westlichen Welt dominant geschult.

In unseren Forschungen sind wir gerade daran, verschiedene Ansätze zu untersuchen, die Dominanz des Frontallappens abzusenken. Dazu gibt es verschiedene Wege: Laufen, Radfahren, Meditation in Bewegung. Yoga, Qigong, und ganz wichtig auch Tanzen. Wir versuchen es gerade speziell im Sport durch bestimmte Lernformen: Eine Form ist dabei das differenzielle Lernen.

Hier bekommen wir anhand von Differenzen Zusatzinformationen und überfordern quasi den Frontallappen, damit er sich umstellt und sich den anderen Bereichen des Gehirns mehr öffnet. Das heißt, wenn ich nicht permanent dasselbe Bewegungsmuster (oder dieselben Lerninhalte) wiederhole, dann wird der Frontallappen mit kontrolliertem Denken quasi an seine Grenzen gebracht. Dadurch stellt er sich um, lässt los, um auf die „Körperintelligenz“ (also ganzheitliches Denken) zurückzugreifen, die wir bei komplexeren, großmotorischen Bewegungsformen nutzen. Ganzkörperbewegungen sind zu komplex, als dass sie alle im Detail kontrolliert werden könnten. Innerhalb von maximal zehn Minuten, oft schon nach 3-5 Minuten, bekommen wir damit die Lernenden in diese Gehirnzustände der Ausgeglichenheit. Oft höre ich von den Athleten oder auch Musikern dann: „Ich weiß nicht mehr, was ich mache, aber es fühlt sich gut an“. 

Ich spreche hier lieber von einem Zustand der inneren Ausgeglichenheit oder Zufriedenheit, da der Begriff des Glücklichseins ein wenig zu stark polarisiert. Glück lebt vom Pech. Oder wie Heinz von Förster einmal formulierte: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Ich betrachte es weniger als Gegensatz, sondern vielmehr als wechselseitige Ergänzung.

Foto-Credit: Wolfgang Schöllhorn

3 Kommentare zu „Offenheit und Neugier als Schulfach? – mit Wissenschaftler Prof. Dr. Wolfgang Schöllhorn“

  1. Ausgeglichenheit als Basis für´s Immunsystem finde ich sehr treffend. So vieles gerät gerade aus dem Gleichgewicht. Wechselseitigkeit dürfte sich sowohl als Zustand als auch Fahigkeit in dieser Geselschaft und auf dieser Welt gerne noch ein bisschen ausbreiten.
    Danke für viele neue Gedankengänge, die ich aus diesem Artikle mitnehme!

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