„Sinnlichkeit, Genuss, Hingabe … das sind zunächst nur abstrakte Begriffe. Die tiefe Sehnsucht vieler Frauen ist jedoch, diese weiblichen Qualitäten wie z.B. Genuss wirklich in sich selbst zu spüren und mehr körperlich auszudrücken, sprich, sich selbst genussvoll zu erleben.„
Kathrin Joos
Für meine Interviewreihe „Mach’s weg“ habe ich Interviews aus verschiedensten Perspektiven über die Corona-Krise, den Graben zwischen “Alternativ-” und Schulmedizin, und über eines der wichtigsten Themen im Leben geführt: Gesundheit. Aber was ist das überhaupt? Lassen sich Krankheiten und ihre Symptome einfach „weg machen“? Wieso kümmern sich Menschen umeinander? Und wie sähe ein Gesundheitssystem aus, das den Menschen in den Mittelpunkt stellt?
23 gesammelte Mach’s weg“-Interviews sind hier als Buch zu bestellen.
Das Interview wurde im Juli 2024 in Gutach im Breisgau geführt.
Laurens Dillmann: Wie arbeitest du mit dem Thema Weiblichkeit?
Kathrin Joos: Ich leite nun schon seit über drei Jahren regelmäßig Frauenkreise und Workshops für Frauen. Dabei geht es unter anderem darum, wie wir unsere weiblichen Qualitäten im beruflichen Alltag nutzen können – für mehr Energie und Selbstbewusstsein. In meiner Jahresgruppe, dem Enfaltungskreis, steht die eigene Entwicklung und insbesondere die Begegnung von Mann und Frau im Vordergrund. Ein Stück weit ist das aus meiner vielfältigen Arbeit mit den Frauen entstanden, die das, was wir miteinander erarbeitet haben, auch im Kontakt mit dem männlichen Gegenpol üben und verfeinern möchten. Auch in der Einzelarbeit finden überwiegend Frauen zu mir. Ich arbeite auch mit Männern, aber Frauen trauen sich früher an diese Themen, ist mein Eindruck
Was passiert in deinen Gruppen?
Das hängt davon ab, welche Fragen meine Teilnehmerinnen mitbringen, wo sie gerade stehen und wie viel Vorerfahrung sie mitbringen. Am Anfang geht es meistens darum, sich überhaupt damit auseinanderzusetzen, was weibliche Qualitäten sind. Die meisten Frauen haben kaum eine Idee davon. Es gibt vielleicht ein paar verschwommene Begriffe, aber was in der Essenz weibliche und männliche Qualitäten sind (die jeder in sich trägt), da herrschen oft Ratlosigkeit und fehlende innere Orientierung. Diese verschiedenen Qualitäten und Begriffe wirklich zu verstehen, zu ordnen und sie zu verkörpern, ist für meine Arbeit sehr wichtig.
Worum geht es in deiner Arbeit?
In meiner Arbeit geht es immer wieder darum, Körper und Psyche zu verbinden. Somit vermittle ich auch, unseren eigenen Körper wieder wahrzunehmen und sich selbst spüren zu können. Sinnlichkeit, Genuss, Hingabe … das sind zunächst nur abstrakte Begriffe. Die tiefe Sehnsucht vieler Frauen ist jedoch, diese weiblichen Qualitäten wie z.B. Genuss wirklich in sich selbst zu spüren und mehr körperlich auszudrücken, sprich, sich selbst genussvoll zu erleben. Im Zentrum meiner Arbeit steht damit auch immer das Üben und Verfeinern unserer Wahrnehmung von uns selbst.
Du kannst beispielsweise einfach so mit deiner Hand über den Teppich hier in meinem Raum streichen. Oder du streichst darüber, aber diesmal mit dem Fokus, dich selbst dabei wirklich zu genießen. Das hört sich vielleicht im ersten Moment komisch an, doch wenn du es ausprobierst, verändert sich deine Wahrnehmung von dir selbst und dem Teppich direkt. Oder wie würdest du durch einen Raum laufen, wenn du dich selbst dabei maximal genießt? Das ändert alles. Die meisten Frauen laufen dann viel langsamer, raus aus dem Takt des Alltags. Es geht im Wesentlichen darum, sich im eigenen Körper zu spüren und gleichzeitig auch zu verstehen, worum es im Kern bei dieser Erfahrung geht. Das reine Erleben wäre zwar eine schöne Erfahrung, doch wenn wir uns wirklich verändern und entfalten wollen, braucht es das Begreifen und Bewusstwerden des Erlebten. Dazu gehört natürlich auch, Sehnsüchte und Nöte einzubringen. Gerade durch die Arbeit mit Blockaden, Ängsten und den Aspekten, die in unserem “toten Winkel” liegen, entsteht eine Entwicklung.
Zu mir kommen Frauen von jung bis alt. Beim Thema Genuss liegt der Bezug zum eigene Körper ja sehr nahe. Hier bringt jede Frau ihre eigenen Unsicherheiten und selbstsabotierenden Stimmen mit. Eindrücklich ist die Geschichte einer meiner Klientinnen, eine über 70-jährige Frau, die unter Tränen erzählte, dass sie beim Eincremen stets ihren Bauch ausspart, weil sie ihn mit über 70 noch immer nicht als einen liebenswerten Teil von sich selbst erlebt. Den jüngeren Frauen hat der Atem gestockt, als sie erkannten, wie lange solche Glaubenssätze von Selbstablehnung mächtig sein können und wie sehr sie unsere Lebensenergie blockieren und beeinflussen. Doch schon das erste Wahrnehmen und Teilen mit den anderen Frauen ist oft heilsam. Und so arbeite ich immer sehr nah an den Themen, die die Frauen mitbringen.
Also es geht nicht darum, neue Qualitäten zu lernen, sondern die wiederzuentdecken, die bereits da sind?
Ja, genau. Doch manche sind verschüttet. Und wieder andere sind auch auf eine Art „neu“ für die Frauen, weil es ungewohnt oder sogar unbekannt ist, diese wirklich im eigenen Körper zu spüren und auszudrücken.
Warum ist dieser Zugang verloren gegangen?
Zuerst durch die eigenen persönlichen Erfahrungen. Jeder Mensch hat mehr oder weniger Erlebnisse, in denen er Fähigkeiten nicht gelernt hat oder diese blockiert sind. Das hat viel mit der eigenen Biografie zu tun. Diese blockierten oder verschütteten Ressourcen wiederzuentdecken und zu lösen, darum geht es. Und andererseits hat es auch damit zu tun, wo wir gerade gesellschaftlich stehen. Sich mit der Essenz von Weiblichkeit und Männlichkeit auseinanderzusetzen, ist ziemlich verloren gegangen. “Da draußen” gibt es momentan eher eine Gegenrichtung: Alles soll möglichst gleich sein, alles vermischt sich zu einem Einheitsbrei und wir werden immer verwirrter, wer wir eigentlich im Kern sind. Doch viel spannender und erotischer wird es, wenn Männer und Frauen sich wieder fremder und dadurch neugierig aufeinander werden.
Auch arbeite ich immer wieder mit dem Thema Kleidung. Immer wieder stellt sich bei diesem Thema die Frage: Was denken dann die anderen über mich? Das ist ein wichtiger Grund, warum der Zugang zur eigenen Weiblichkeit für viele verloren gegangen ist: Es besteht eine hohe, fast maximale Orientierung am Äußeren. Was denken, finden, reden die anderen über mich? Was sollte ich tragen und was nicht, was hätte meine Mutter verboten … ? Bei diesem Beispiel werden die individuellen Prägungen und Glaubenssätze besonders deutlich. Dabei verlieren wir die Wahrnehmung unseres eigenen Körpers komplett. Wie fühle ich mich hier und jetzt tatsächlich in diesem Kleid, dieser Farbe, diesem Stoff, wenn diese ganzen Begrenzungen nicht da wären? Wir haben verlernt, unseren eigenen Körper zu fühlen und ihm als Referenzpunkt zu vertrauen. Das Schöne ist, ein weiblicher Körper ist in jeder Zelle weiblich, es gilt, ihn ganz zu spüren und zu bewohnen. Dieser Prozess ist nicht immer einfach und braucht Unterstützung.
Was inspiriert dich?
Über viele Jahre hinweg meine eigene Arbeit mit mir selbst und die Ausbildung in der Catlike-Methode nach Philipp Alsleben. Ähnlich wie die Frauen in meiner Arbeit, bin auch ich auf dem Weg zu immer mehr authentischem „Ich-Selbst“. Vielleicht ein paar Schritte voran, aber auch diese erarbeite ich mir unter Anderem gemeinsam mit Frauen aus meinem eigenen Feld. Gleichzeitig sind auch die Frauen in meinen Gruppen eine große Inspiration. Es sind diese so besonderen und heiligen Momente, wenn wir zusammenkommen. Die Anbindung an einen „höheren Raum”, und durchlässiger zu werden für das, was dann entsteht, ist eine große Inspirationsquelle an sich.
Als Bücher zum Thema Weiblichkeit kann ich “Sacred Woman” von Heide-Marie Heimhard, „Weiblichkeit leben“ von Leila Bust oder “Die Wolfsfrau” von Clarissa Pinkola Estes empfehlen. Für mich sind dies Grundlagenwerke, die ein großes Spektrum von Weiblichkeit beleuchten. Von Zyklusbewusstsein über alte Mythen und Märchen bis hin zu einem möglichen spirituellen Weg von Frauen. Dazu kommen Bücher wie “Die Seele des Weibes”, oder “Roter Mond”, die ich hin und wieder in meine Arbeit einfließen lasse.
Wie schärfe ich meinen Blick für die weiblichen Qualitäten, von denen du sprichst?
Ein Thema in meinen Gruppen ist immer wieder Verführung. Was hat es damit auf sich? Ich kann nur verführen, wenn ich mich auch verführen lasse. Das geht also nur, wenn ich neugierig bin und mich faszinieren lasse. Viele Frauen erzählen mir: Auf dem Weg zur Arbeit habe ich diese oder jene Frau im Zug gesehen – die gefiel mir, die fand ich toll, die hatte eine ganz besondere Ausstrahlung! Wenn wir unsere Wahrnehmungsfähigkeiten erhöhen, fällt unser Blick wieder ganz automatisch auf diese natürlichen Schönheiten, die uns umgeben. Es geht immer um mehr Wahrnehmung und darum, mehr da zu sein, dich mehr im Körper zu spüren. Also bleib neugierig und lass dich verführen vom fremden Weiblichen und den weiblichen Qualitäten.
Wenn wir uns mehr wahrnehmen und mehr in unserem Körper verankert sind, können wir uns auch mehr faszinieren lassen. Wenn in uns jedoch das alltägliche Selbstsabotage-Kopfkino läuft, das uns hemmt, blockiert und angstvoll zurückhält, sind wir wenig in der Lage, neugierig zu bleiben. Dann kannst du vielleicht sehr gut weiter mechanisch funktionieren, doch das ist weit davon entfernt, mehr Genuss, Energie und Lebendigkeit in dein Leben zu holen.
Was ist dein Verständnis von Gesundheit und wie fließt es in deine Arbeit mit ein?
Ein weiterer wichtiger Teil meiner Arbeit mit dem weiblichen Pol ist der Aspekt der Erotik. Erotik verstehe ich als die Kraft, die nach der Vollständigkeit sucht. Die Suche nach der Vollständigkeit in der Polarität. Die Grundlagen dafür sind Vitalität und Fülle, die wir spüren, wenn unser Körper in authentischer Verbindung mit unserem Fühlen und Denken ist. Gesundheit ist für mich ein Teil davon. Die meiste Zeit unseres Lebens schauen wir jedoch nach draußen, auf die anderen Menschen und auf das, was von uns erwartet wird.
Am Anfang, wenn Frauen in meine Gruppen kommen, sind sie oft in der inneren Haltung: ”Oje, was denken die anderen Frauen von mir? Bin ich gut genug? Habe ich das Richtige an? Die anderen sind sicher viel schlauer, schon weiter etc.” Wir reagieren mit unseren Emotionen, unseren Gedanken und unserem Körper. Dieses Reagieren auf die Welt da draußen, verursacht in uns Spannung, Stress und Überforderung. Doch was passiert, wenn wir uns mehr für unseren Innenraum interessieren und anfangen, uns an uns selbst auszurichten? Für viele meiner Klienten ist das der erste Schritt für spürbar mehr Selbstbewusstsein und somit mehr Vitalität und Fülle. Es beginnt damit, diesen inneren Referenzpunkt wieder zu entdecken, zu spüren und sich dann immer mehr daran auszurichten. Irgendwann fragen wir uns dann: Was gefällt mir an den anderen in der Gruppe? Mit wem will ich gerne die nächste Übung machen? Wir benutzen häufiger die Worte: “Ich finde…, ich denke…, ich will…” Wir fühlen uns unabhängiger und entwickeln eine eigene Richtung. Ja, für unser Umfeld werden wir herausfordernder, ungewohnter, vielleicht auch unbequemer, aber auch spannender, aufregender und magnetischer.
Was kann nur in einer Gruppe von Frauen geschehen? Was verändert sich, wenn ein Mann dazu kommt?
Nur unter Frauen werden wir sinnlicher, tanken untereinander auf und nähren uns insbesondere durch körperliche Berührungen. Dieser Raum, den ich gemeinsam mit den Frauen gestalte, hat wie das Element Wasser etwas Fließendes, ist gleichzeitig sehr körperlich und in sich vollständig. Mit der Erkundung dieses Raumes wird vielen Frauen bewusst: Ich muss diese Art von Nahrung, um mich aufzutanken, nicht beim Mann suchen. Es ist ein Irrglaube, dass das, was mich als Frau vollständig macht, auf der männlichen Seite liegt. Sinnlichkeit und Körperlichkeit ist die weibliche Essenz, die männliche Essenz ist das Geistige und das Bewusstsein. Wenn Männer dazu kommen, ist sofort eine ganz andere Spannung im Raum. Es braucht also diese beiden ganz unterschiedlichen Pole, damit es zu einem spannenden Spiel wird, zwischen Mann und Frau. Das Spiel der Suche nach der Vollständigkeit in der Unvollständigkeit.
Wie siehst du die Zukunft aus weiblicher Perspektive?
Ich versuche das mal aus meinem Wirkradius von vielleicht 5 bis 500 Kilometern zu beantworten: Ich kenne viele der Frauen persönlich, mit denen ich arbeite und viele von ihnen kennen sich auch untereinander. Wenn wir uns in Kontexten wie Schule oder auf einem Fest begegnen, begegnen wir uns anders als es andere Frauen tun. Wir umarmen uns länger, mit unseren ganzen Körpern und nicht nur oberflächlich. Wir kennen auch viele der geheimen „Innenräume“ der anderen Frauen, was eine tiefere Begegnung ermöglicht. Die Frauen beginnen, sich anders zu kleiden. Sie blühen und leuchten mehr und wecken damit wiederum das Interesse anderer Frauen und natürlich auch das der Männer. Aus unserer Frauengruppe ist z.B. auch eine Männergruppe entstanden, weil diese bemerken: Wir wollen auch unsere eigenen Räume und unser Zusammensein pflegen! Diese sich vervielfältigende Leuchtkraft entspricht auch der Vision meiner Arbeit. Ich wünsche mir, dass Frauen und Männer wieder eigene Räume kreieren, in denen sie für sich sind, um dann klar, sich ihrer selbst bewusst und aufgetankt, in die Begegnung mit dem jeweils anderen Pol gehen zu können. Das macht auch einen großen Unterschied für die Kinder und die Familien und führt vielleicht eines Tages zu völlig neuen Arten des miteinander Seins, Wohnens und Zusammenlebens.
Foto-Credit: Kathrin Joos