Der Sinn einer Krise – mit Krisenbegleiter Jörg Fuhrmann

Natürlich macht es Angst. Es ist ein Gang in die eigene Unterwelt. Das ist bedrohlich, manchmal sogar sehr bedrohlich. Lebensbedrohlich, so kann es sich anfühlen. Ich habe aber den Eindruck, Menschen, die vor dieser Bedrohung ausweichen, geht es auch nicht unbedingt besser.


Jörg Fuhrmann

Der Sozialpädagoge, Theaterpädagoge, Coach und Therapeut ist Experte für Krisen, DeHypnose und veränderte Bewusstseinszustände. Er absolvierte zahlreiche Fortbildungen in Trauma- und Krisenintervention, humanistischer Psychologie, Hypnose, Schamanismus und Meditation. Als Trainer und Speaker war er in über 15 Ländern auf internationalen Kongressen tätig. Er ist Gründer des freiraum-Instituts und lebt sowie praktiziert in der Schweiz.
www.freiraum-institut.ch


Für meine Interviewreihe „Mach’s weg“ habe ich Interviews aus verschiedensten Perspektiven über die Corona-Krise, den Graben zwischen “Alternativ-” und Schulmedizin, und über eines der wichtigsten Themen im Leben geführt: Gesundheit. Aber was ist das überhaupt? Lassen sich Krankheiten und ihre Symptome einfach „weg machen“? Wieso kümmern sich Menschen umeinander? Und wie sähe ein Gesundheitssystem aus, das den Menschen in den Mittelpunkt stellt?

23 gesammelte Mach’s weg“-Interviews sind hier als Buch zu bestellen.

Laurens Dillmann: Was genau tust du in deinem Beruf?

Jörg Fuhrmann: Ich begleite Menschen in Veränderungs- und Entwicklungsprozessen. Da ist mein Name ganz passend, der Fuhrmann. Beziehungsweise der Kutscher, der Menschen von A nach B bringt. Beziehungsweise zu C². Denn oft kommen Leute anders an, als sie sich das vorher linear-kausal ausgedacht haben. Das heißt, ich fahre mit denen nicht irgendwohin, wo ich meine, es wäre passend, sondern wir erarbeiten die Route gemeinsam in Verbindung mit dem, was sich dann zwischen uns ereignen mag – also dem “Faktor X”. 

Ich bekomme einen Auftrag, ohne den arbeite ich nicht. In der Regel von Menschen, die hoch motiviert sind, etwas in ihrem Leben zum Positiven zu verändern. Die das Gefühl haben: „Da könnte noch mehr gehen.“ Ihnen dabei zu helfen, ist mein Job. Ich verstehe mich auch als Trüffelschwein des versteckten Potentials. Als Sucher. Nicht so sehr als “Weg-Macher”. Ferner bin ich das lebende Beispiel dafür, dass man deutlich über seine selbstgesetzten Grenzen hinauswachsen kann. Vor allem geht es um Kontakt und Begegnung. Die Methoden sind natürlich wichtig, aber zweitrangig. Wir wachsen vor allem im Kontakt mit einem anderen Nervensystem, mit einem anderen Menschen. Der Kontakt mit Menschen ist mein täglich Brot.

Was ist, deinem Verständnis nach, eine Krise?

Eine Krise ist im Grunde eine Reise. Ein Veränderungsprozess ist nichts Statisches. Das Alte, das mal da war, ist weggebrochen, und das Neue ist noch nicht da. Wir befinden uns quasi in einem luftleeren Raum, einem Übergangszustand. In einem Übergangsritual heißt das “die liminale Phase”, nach Arnold van Gennep. In dieser Phase gibt es keine Sicherheit und man ist ein Stück weit orientierungslos.

Das ist oft der Zustand, in dem Menschen sich bei mir melden, weil sie nach neuer Orientierung suchen und spüren, dass sich etwas Neues anbahnt. Das spürt man manchmal sogar schon Jahre vorher. Das gibt es in allen Bereichen: Beruf, Beziehung, eigene Gesundheit, Wohnort. Verschiedenste Sachen. Zur Zeit durch die Corona-Maßnahmen bedingt natürlich auch wirtschaftliche Bedrängnisse. Existenzielle Themen, wo man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Man gerät in eine Art hypnotischen Shutdown-Zustand. Der Volksmund nennt das den Tunnelblick, weil wir die verschiedenen Optionen, die es außerhalb unseres Fokus auch noch geben könnte, nicht mehr sehen. Mythologisch gesprochen hat man sich auf den Drachen so sehr fixiert, dass man vor ihm erstarrt. 

Während meines Studiums in Sozialpädagogik habe ich auch im Krisenzentrum für Suizidprävention gearbeitet. Da ist es auch häufig so, dass Menschen gar nicht mehr auf dem Schirm haben, was sie in ihrem Leben bereits alles geleistet haben. Man ist dann derart auf das Problem fokussiert, dass man die ganzen eigenen Kompetenzen und Fähigkeiten vergisst. Ich helfe dann dabei, trotz des Drachens, ein Stück weit zurück in die eigene Mitte und Kraft zu finden. Und möglicherweise sogar die Kraft des Drachens zu nutzen. Die größte Angst ist meist auch mit der größten Ressource verknüpft. Von daher sind Krisen Katalysatoren für Wachstum. Wenn sie nicht in neue Traumatisierungen führen, die nur wieder alte Bekannte wie Ohnmacht und Hilflosigkeit aktivieren.

Gibt es diesen einen Moment, an dem die Krise überwunden ist?

Krisen sind immer individuell. Es kommt auf das Thema an. Nehmen wir die Arbeit, da ist es oft klar und einfach messbar, wenn sich dein Problem gelöst hat. Zum Beispiel als Wechsel in einen neuen Job, in dem du nun glücklicher bist. Oder in deinen Beziehungen werden deine Bedürfnisse plötzlich mehr befriedigt. Wenn so eine Dimension erreicht ist, die das Alte mit einbezieht und gleichzeitig etwas Neues eröffnet, können wir von diesem Moment sprechen. Es ist wichtig, dass beides enthalten ist. Oft neigen Menschen in Krisensituationen zu Fluchttendenzen. Hauen alles in die Tonne, um irgendwie der Situation zu entkommen, weil sie es in ihr nicht aushalten. Es geht also auch darum, dazubleiben. Zu verhandeln. Mit sich selbst. Auch an den schmerzhaften Stellen. 

In der Mythologie ist es so: wenn man den Schatz gefunden, oder die Belohnung nach dem Drachenkampf erhalten hat, befindet man sich danach auf dem Rückweg in die „alte“ Heimat. Die nicht mehr die alte Heimat ist. Sie sieht zwar noch so aus, aber sie ist verändert. Ganz automatisch, weil du selbst einen Veränderungsprozess durchgemacht hast. Man hat etwas gefunden, das die Veränderung erklärt. Das ist der Schatz.

Ich nehme an, so eine symbolische Reise in die eigene Psyche erfordert viel Mut?

Natürlich macht es Angst. Es ist ein Gang in die eigene Unterwelt. Das ist bedrohlich, manchmal sogar sehr bedrohlich. Lebensbedrohlich, so kann es sich anfühlen. Ich habe aber den Eindruck, Menschen, die vor dieser Bedrohung ausweichen, geht es auch nicht unbedingt besser. Manche Vermeidungsprogramme können ein ganzes Leben gefahren werden: Alkohol zum Beispiel. Süchte. Verrückte Verhaltensweisen, wo man sich selbst ständig überreizt. Bungee-Jumper, 300km/h auf der Autobahn. Ständige Überreizung, in der man seine Angst gar nicht mehr merkt, weil man sie komplett abgespalten hat – dies nennt man im Fachjargon auch “Kontraphobisch”.

Auf den Jakobswegen von Lourdes nach Santiago + Finisterre 2004

Du sagtest einmal, in einem Coaching sitzen sich „zwei Nervensysteme“ gegenüber. Kannst du noch etwas zu diesem Begriff sagen?

Wir sind “Bindungstiere”. Das autonome Nervensystem besteht nach Stephen Porges “Polyvagal-Theorie” aus drei Subsystemen: Das älteste System ist der dorsale Vagus, der für Erstarrung zuständig ist, für Dissoziation. Dies wird sichtbar, wenn wir in Todesgefahr sind und gefühlt nichts mehr machen können. Das ist wohl ein Segen der Natur, dass wir in einem Zustand der extremen Lebensgefahr umschalten und diese Dinge gar nicht wahrnehmen müssen. Das ist das älteste System des autonomen Nervensystems. 

Darauf baut der Sympathikus auf, den wir bei Gefahr immer als erstes mobilisieren. Sobald die Amygdala im Gehirn sagt: „Alarm“, geht es los. Wir fliehen oder kämpfen. Wir sind aktiviert. Dieses System brauchen wir bei sportiver Aktivität, bei allem, bei dem wir irgendwie in Bewegung kommen müssen. Das neueste, darauf aufbauende System ist das ventrale Vagus-System. Der Vagus hat zwei Stränge. Früher hat man gedacht, das wäre alles ein System. Heute weiß man, es sind zwei. Früher hat man auch das autonome Nervensystem unterteilt in Parasympathikus und Sympathikus. Das ist zu ungenau, weil der Parasympathikus zwei Stränge hat. Der eine ist der rückseitig verlaufende Vagus, der für die Starre zuständig ist. Der ventrale ist dafür da, dass wir uns mit einem anderen Lebewesen im Raum verbinden und dass wir Zugang zum Hier und Jetzt haben. Wenn wir von Achtsamkeit und Meditation reden, brauchen wir diese Zugewandtheit.

Wenn wir in einem Schockzustand oder in einer Krise sind, sind wir meist nicht im Hier und Jetzt. Eher irgendwo in der Vergangenheit, bei dem, was mal früher war, oder wir sind in der Zukunft, grübelnd, was als nächstes passieren könnte. Um das zu realisieren und aus dieser Starre herauszukommen, brauchen wir die sogenannte Co-Regulation. Das heißt, ein zweiter Begleiter im Raum. Im Mythos ist es der Mentor, der in Krisensituationen zur Seite steht und Impulse gibt: Hey, guck mal hier. Das ist deine Fähigkeit. Nutz’ das Lichtschwert oder das Kettenhemd oder was auch immer (lacht). Dann wirst du da durchkommen.

In dieser Verbindung – wie bei einer liegenden Acht – ist es wichtig, dass man anfängt, diese Sachen selbst zu üben. Das nennt sich Empowerment. Maria Montessori hat das auch in ihrer Pädagogik. Damit es nicht immer nur der Experte bleibt, der von oben nach unten kommuniziert. Sondern den Anderen auf Augenhöhe befähigen, es selbst zu tun.

Mit Stanislav Grof

Warum kümmerst du dich um andere Menschen?

Schicksal. Ich habe viele verschiedene Jobs gemacht. Über meine kreativen Projekte bin ich dann mit allem möglichen Klientel zusammengekommen. Von forensischen Sexualstraftätern über arabische Intensivtäter, Skinheads, Demenzkranke, Menschen mit Behinderungen, quer durch das Beet, alle möglichen Menschengruppen. Ich habe auch Zivildienst in einem Heim für Borderlinepatienten gemacht, danach Jahrespraktikum in der Kunsttherapie. Das hat mir immer viel zurückgegeben. Nach meiner kaufmännischen Lehrzeit habe ich einfach gespürt, das ist eine andere Qualität von Arbeit. Und ich habe es bis heute auch nicht bereut, diese Schritte getan zu haben.

Man hört immer wieder, dass Menschen in Heilberufen ausbrennen. Woran liegt das?

Die Burnout- als auch die Mobbingquote sind weit oben in den Statistiken. Das war 2005 schon so, zum Ende meines sozialpädagogischen und theaterpädagogischen Studiums. Ich habe viele Leute aus dem Pflegebereich bei mir, aus dem sozialpädagogischen Bereich, ganz häufig auch Lehrer. Da ist ein immenser Bedarf und das hat natürlich Gründe.

Erstmal hat es damit zu tun, dass wir einfach Bindungswesen mit Spiegelneuronen sind. Das hat Luise Reddemann beschrieben: Wenn wir den ganzen Tag von anderer Menschen Traumata hören, feuern unsere Synapsen und in unserem Kopf entsteht das Bild der Situation. Im Nervensystem die entsprechende sympathische Aktivierung. Auf Dauer ist das natürlich eine Belastung, ganz klar.

Man muss schon gucken, dass man eine gewisse Psychohygiene betreibt. Dass man auch körperlich fit bleibt. Da hängen wirklich viele Faktoren zusammen. So ein Job verlangt einiges ab. Viele Leute sehen das nicht, die sehen nur die Zeit, in der man mit den Leuten zusammensitzt. Aber es muss nachverdaut werden. Für die besonders Sensitiven geht der Prozess teilweise schon los, bevor die andere Person den Raum betritt, weil sie bereits in Verbindung sind. Dazu gibt es auch Studien von Carl Rogers, der festgestellt hat, dass der größte Therapieerfolg passiert zwischen dem Anruf des Klienten und der ersten Sitzung.

Ist das nicht ein Paradox? Einerseits braucht es Empathie und Präsenz, aber zuviel davon ist auch für den Behandelnden nicht gesund?

Carl Rogers hat dieses Paradoxon sogar in seiner Theorie verewigt. Einerseits sollst du bedingungslos wertschätzen, andererseits immer authentisch sein. Wahrscheinlich war er da selbst in einer Zwickmühle gefangen, die ihn in den Burnout geführt hat. Zwickmühlen sind immer ungünstig, denn die führen zum eingangs erwähnten Tunnelblick.

Der nächste gravierende Punkt ist natürlich einfach die Kohle. Wenn du am Fliegenfänger des Geldes hängst. Das tun wir ja alle mehr oder weniger, weil unser System so läuft. Je nachdem, wie stark man eingebunden ist, Verschuldung durch Haus, Leasing, sonstwas – ist man natürlich umso mehr im Hamsterrad. Da trauen sich die Menschen immer weniger zu sagen, was sie eigentlich wirklich brauchen. Die Konditionen der Arbeitsverhältnisse werden schlechter. Man sagt zu allem Ja und Amen und grenzt sich nicht mehr ab, weil man Angst hat, den Job zu verlieren. So geraten auch Menschen in Heilberufen in die Abhängigkeit.

Und auch dann, wenn man uns momentan – im Rahmen der Corona-Krise – suggeriert, dass man sich total für unsere Gesundheit interessiert – von höchster Ecke, an jeder Ebene – kann man doch erstaunt sein, wo es überall in gesundheitlichen Feldern mangelt: Verbesserung der Wasserfiltration, Förderung biologisch angebauter, saisonaler und regionaler Nahrung, Verbot von Schadstoffen in Textilien, Spielwaren und Möbeln, Begrenzung der Luftverschmutzung, Thematisierung von Hochfrequenz-Belastungen und Elektrosmog usw.

So hat man es im Gesundheitswesen auch gemacht. Ständig werden alle möglichen Sachen verknappt, beschnitten und runtergesetzt. Für die, die dann noch da sind, die den Job wirklich machen wollen oder sollen, ist es schwer geworden. Für mein Empfinden ist das komplette Pflegepersonal kurz vorm Burnout. Und die sagen auch durch die Bank: Was ist denn da noch menschlich dran? Wir machen nur noch eine Abfertigung.

Ich glaube, die allermeisten Menschen, die in solche Jobs gehen, haben im Grunde ein gutes, idealistisches Menschenbild. Ich habe auch mal in einer Pflegeschule ein paar Jahre doziert – da waren die ganzen jungen Leute mit hohem Anspruch für sich und ihre Arbeit. Die wollten das gut machen. So ist es auch bei vielen Lehrern. Die werden einfach oft unterdurchschnittlich auf ihren Job vorbereitet. Viel Theorie, wenig Praxis, so ein Lernen hält auch nicht gesund. Und dann kommt der Widerstand des wahren Lebens auf sie zu.

Vortrag in Zürich beim VPT-Dachverband

Was macht es mit dir, wenn dir ein Mensch rückmeldet, dass er dank dir seine Krise gemeistert hat?

Da muss ich ein wenig aufpassen, denn ich bin ja empfänglich für Komplimente. Ich gebe dann die Projektion zurück. Ich mache nämlich nichts, die machen das alle selbst. Es wird auch niemand hypnotisiert, jeder hypnotisiert sich selbst. Jeder Entwicklungsschritt, den jemand macht, ist selbstgemacht. Deswegen begleite ich, ich mache nicht. Es geht darum, dass die Menschen realisieren, dass sie es selbst sind, die es tun. Aber klar, es ist eine Bereicherung und eine Freude, wenn diese Rückmeldungen kommen. Teilweise kommen Leute nach zehn Jahren wieder und erzählen, was sich alles seitdem Gutes getan hat.

Was ist Gesundheit?

Das kommt darauf an, wen du fragst. Da gibt es diesen Witz: Wo geht’s zum Bahnhof? Der Sozialpädagoge sagt: „Lass mal, ich geh für dich.“ – Der NLP-Hypnose-Typ sagt: „Stell dir vor, du bist schon da.“ – Der Psychoanalytiker sagt: „Verdächtig, Bahnhof, das ist doch das Loch, wo die langen Dinger immer rein und raus fahren“ und so geht es immer weiter. Da du mich fragst: Für mich ist es ein möglichst hohes Maß an Ausgewogenheit in der Ganzheit, die der Mensch ist. Der Mensch ist ein holistisches, ganzheitliches System, von verschiedenen Sub-Systemen, die nach Möglichkeit in einem fließenden Einklang zueinander stehen. Bei Krankheit kommt es im Gegenzug in der Regel irgendwo zu Erstarrung und Verhärtung. Zumindest ist das der Anfang von Krankheit. Die uns bekannte Trennung von Körper und Geist liegt wohl am descartschen Paradigma: „Ich denke, also bin ich.“, welches sich noch immer hartnäckig aufrecht hält. Allerdings wissen viele mittlerweile auch, dass Körper und Geist miteinander verbunden sind. 

Um das nochmal klar zu sagen: Für mich ist Gesundheit definitiv nicht einfach nur die Abwesenheit von Problemen. Sondern vor allem eine Entwicklung in Richtung meines höchsten Potentials. Das Problem dabei ist, dass diese höchsten Potentiale am wenigsten messbar sind. Da hat die Psychologie ordentlich dran zu knabbern. Die wichtigsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann, sind so gut wie nicht messbar. Stichwort: mystische Erfahrungen. Dieses höchste Potential, zu dem wir letztendlich fähig sein könnten, ist einfach schwierig zu messen.

Mit Huichol-Schamanen 

Warum gibt es diesen klaren Schnitt zwischen Schulmedizin und sogenannter Alternativmedizin? Oder nähert sich das an?

Ich habe den Eindruck, in letzter Zeit wächst da vieles zusammen, was zusammen gehört. Rückbesinnung auf eigenes Wissen aus vergangenen Jahren und die internationalen Einflüsse z.B. aus dem asiatischen Kulturkreis oder den USA tragen dazu bei.

Wie hast du die letzten Corona-Monate erlebt und was denkst du über diese Krise?

Das ist eine ziemlich heftige Krise. Ich habe damals direkt gesagt: das wird zu massiven Leiden führen. Was mir bei diesem ganzen Thema fehlt, ist der Blick auf die Dinge, die man sowieso schon immer gemacht hat und auch machen könnte, um das Immunsystem zu stärken. Vom Immunsystem höre ich medial so gut wie nichts. Durch diese ganze Berichterstattung fühle ich mich persönlich durchaus manipuliert. Man kann Menschen im Kollektiv sehr gut steuern, wenn sie in Angst sind. Das ist das klassische Mittel, um massenpsychologische Dinge voranzutreiben. Ich bin sehr skeptisch, ob das alles im Sinne des Erfinders ist. Muss ich ganz ehrlich sagen. Es gibt so viele widersprüchliche Aussagen. Hochrangige Mediziner, die nicht öffentlich zu Wort kommen, sogar zensiert werden. Demokratie habe ich mal so verstanden, dass man zwei gegensätzlichen Polen erlaubt, sich darzustellen. Dann kann der Bürger für sich selbst seinen Standpunkt daraus entwickeln. Auffallend ist auch, dass bestimmte Behandlungsmethoden, die sich in alternativen Medien finden lassen, nicht öffentlich fachlich thematisiert werden. Sehr undurchsichtig, das Ganze.

Und wieso hat sich diese Dynamik so rasant entwickelt?

Das ist völlig klar. Es ist die Angst vor dem Tod. Die Urangst des Menschen, zu ersticken. Wenn wir auf die Welt kommen und von der Mutter getrennt werden, dann ist es für uns das Erste, was es zu tun gibt, um zu leben – die Atmung. Als ich die Nachrichten anfangs hörte und die Bilder dazu sah, Tote auf den Straßen, Beatmungsgeräte etc., da wurde ich auch getriggert. Es ist wichtig, sich nicht von seiner aufkommenden Angst ergreifen zu lassen. Es geht darum, achtsam seine Gefühlswelt zu beobachten und den eigenen Umgang mit den Gefühlen angemessen umzusetzen. 

Warum nicken wir Maßnahmen ab, die unserer psychischen Gesundheit schaden können?

Ist der Mensch von seiner Angst vereinnahmt, dann ist er nicht mehr in seiner erwachsenen Ich-Struktur. Dadurch ist er nicht mehr seiner Fähigkeiten und Fertigkeiten mächtig. Er sucht, wie ein Kleinkind, nach elterlicher Fürsorge. Ärzte und Politiker dienen dabei gut als Projektionsflächen, um Verantwortung abzugeben. Bekommt man einen Auftrag, wie z.B. das Tragen von Masken und kann nach erlebter Hilflosigkeit plötzlich wieder etwas selber tun, dann schenkt dies vielen Menschen Hoffnung. Richtig wäre jedoch, selbst für sich die Verantwortung zu übernehmen und sich Wissen anzueignen und frei zu entscheiden. Erschwert wird dieser Prozess natürlich durch die Krise mit ihren familiären und wirtschaftlichen Auswirkungen, mit den Belastungen durch Neuregelungen am Arbeitsplatz, Schulschließung usw. Was in unserem Kulturkreis noch dazu kommt, ist, dass Kinder immer früher aus den Familien in die Kitas abgegeben werden. Wir wissen aus der Entwicklungs- und Bindungsforschung, wenn das unter 3 Jahren passiert, ist es problematisch. Das kann lebenslange Folgen haben. Arno Gruen hat sehr viel dazu geschrieben: Ein Mensch, der kein gutes Selbstbild ausbilden konnte, ist letztendlich nachher im Bereich der Manipulation für fast alles anfällig. Und tut dann auch, was er soll.

Aus einer Meta-Sicht, was für einen Sinn könnte diese Krise haben?

Es war ein immenser Reset. Es kam zu einer starken Verlangsamung. Nicht nur, weil keine Flugzeuge flogen und Autos fuhren. Ich lebe auf einer Schweizer Enklave auf der deutschen Seite vom Rhein, wir sind umzingelt von Deutschland. Drumherum sind Grenzen, die von heute auf morgen mit Betonpöllern dicht gemacht wurden. Überall Polizei und Militär, Hubschrauber. Und trotzdem waren die Menschen sehr down to earth. Spaziergänge. Gartenarbeit. Entschleunigung. Erich Fromm hat von den Automatenmenschen geschrieben. Dieses Verhalten ist quasi zusammengebrochen. So hatte ich zumindest den Eindruck. Vielleicht war es auch eine Erinnerung, wie das Leben eigentlich sein könnte. Von der höheren Warte stellt sich für jeden einzelnen von uns die Frage: Was ist mir im Leben wichtig? Das Hamsterrad? Die Karriereleiter? Möchte ich da möglicherweise nicht doch aussteigen? Was brauche ich als Nahrung für mich, als Essenz? Natürlich brauchen wir Geld, keine Frage. Aber bei manchen hat sich das so verselbstständigt, irgendwelchen Konsumgütern hinterher zu jagen. Die sind dadurch quasi wie auf Null gestellt worden. 

So haben wir die Möglichkeit gehabt, mit der Essenz des Lebens in Kontakt zu kommen. Ich habe schon das Gefühl, dass einige Leute da ein wenig wacher geworden sind. Dafür sind Krisen nunmal auch da. Diese ist einfach so extrem, dass sie natürlich unser gesamtes Wirtschaftssystem erschüttert. Was danach kommt – mal gucken. Könnte etwas Gutes werden, wenn wir etwas Menschenfreundlicheres erschaffen.

Auf welche Werte beziehst du dich in deiner Arbeit?

Ich beziehe mich auf die humanistische Psychologie. Das ist meine Ausgangsbasis. Die fußt auf der Idee, dass der Mensch mehr ist als die Summe seiner Teile. Dass der Mensch an sich gut ist. Und darauf, dass wir mehr sind als unsere Probleme. Menschen mit Möglichkeiten und Grenzen. Wenn man die Nachrichten hört, ist das manchmal schwer zu glauben. Aber in jedem Menschen habe ich auch immer einen guten Kern gesehen. 

Für mich geht es um Würdigung. Würdigung enthält Würde. Würde ist in der ganzen Therapie und Psychologie ein etwas unterrepräsentierter, wenn nicht sogar vergessener Begriff. Damals habe ich auf einer Studienreise nach Auschwitz mit Zeitzeugen gearbeitet, die damals dort interniert gewesen sind. Viktor Frankl, der auch dort interniert war, hat es beschrieben. Obwohl man ihnen alles genommen hatte: Familie, Job, Aussehen, Titel, Gesundheit, nahezu alles, gab es dort trotzdem Menschen, denen eins nicht genommen werden konnte: ihre Würde. Das meine ich auch mit dem höheren Potential. Dir kann alles genommen werden und trotzdem hast du eine Anbindung an ein höheres Kollektiv. An einen Faktor von Transzendenz. Das gibt uns vielleicht die Würde des Menschseins. Wenn wir uns darauf zurückbesinnen, werden viele Entscheidungen klarer und einfacher. Und es wird leichter, zu diesen Entscheidungen zu stehen.

Fantasiespiel: Du bist König deines Landes und kannst dein eigenes Gesundheitswesen schaffen:

König meines eigenen Landes zu sein ist für mich eine nur schwer zu erzielende Fantasie, denn ich präferiere libertäre, minimalstaatliche Strukturen. Ich lege sehr viel Wert auf Freiheit und Selbstbestimmung. Es heißt, die Gesundheit sei das höchste Gut des Menschen. Gerade in diesem Bereich sollte Selbstverantwortung oberste Priorität haben. Die Menschen sollten ermächtigt werden, bestmöglich für sich und andere Sorge tragen zu können.

Vielleicht müsste man von Krankenkassen auf Gesundheitskassen wechseln. Das wäre als Anfang schon einmal nicht schlecht. Es wäre gut, wenn die Therapeuten, Mediziner usw. nach Erfolg bezahlt würden. Wie es im alten China auch der Fall war. Und wenn man eher einen Bonus kriegt, wenn man gesund bleibt, sich gesund erhält, gesund lebt. Das fände ich ganz gut, das wäre ein ressourcenorientierter Ansatz. Ich würde ein Gesundheitssystem unterstützen, in dem Selbstverantwortung ein ganz wichtiger Grundsatz ist.

Bildquelle: Jörg Fuhrmann

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